ESSLINGEN: Dieter Kauffmanns großer Bildband über den polnischen Maler wird im Alten Rathaus vorgestellt.
Ein Mensch steht im Zentrum des Bildes, ob Mann oder Frau ist nicht zu erkennen. In seinem Armen birgt er ein nacktes Kind. Von rechts richten sich Gewehrläufe auf die in kalkigem Weiß gehaltenen Figuren. Umgeben sind die beiden von einem Inferno aus assoziativen Strichen und Liniengebilden. Lachur macht es einem nicht leicht. Formal erschließen sich seine Bilder erst auf den zweiten Blick. Inhaltlich sind sie mehr als unbequem, thematisieren sie doch das dunkle Herz des 20. Jahrhunderts, die Beziehung von Täter und Opfer, die sich – auch aber nicht nur – im Holocaust manifestiert. Leidenschaftlich setzt sich der Christ Zdzislaw Lachur dabei für die Opfer ein und dafür, dass ihr Leid unvergessen bleibt. Der Esslinger Dieter Kauffmann hat dem sperrigen polnischen Künstler mit einem großen Bildband ein Denkmal gesetzt. Sein Ziel ist, dass Lachur, der oft mit Marc Chagall verglichen wird, auch in Deutschland endlich die verdiente Anerkennung findet. Am Dienstag stellte er seine Monographie im Alten Rathaus vielen Kunstinteressierten vor und zeigte eine Reihe Originale aus seiner Berkheimer Sammlung: bestürzende, anrührende Bilder, in denen im Leid und der Entrechtung auch Hoffnung durchscheint. Zu Beginn ehrte OB Jürgen Zieger den Künstler, dessen Bekanntheitsgrad nicht im Einklang mit seiner Bedeutung stehe. Ausführlich referierte Kulturreferent Peter Kastner über das Leben Lachurs und würdigte sein Werk als „Fanal gegen Gewalt und Unterdrückung“. Grußworte sprachen auch der betagte Meinhard Tenné, früher Vorstandsprecher der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württembergs, und Iris Caren Herzogin von Württemberg, die als Künstlerin und Lyrikerin einen besonderen Zugang zu Zdzislaw Lachurs Werken hat. „Seine Bilder plädieren für Mitgefühl, ohne dass es auch in unserer Gesellschaft kalt wäre“, sagte die Botschafterin des Kinderschutzprojekts Kelly-Insel. Drei Jahrzehnte lang war Dieter Kauffmann ein Freund Lachurs. Keine Frage, dass der Kenner es selbst übernahm, in die kryptische Bildsprache Lachurs einzuführen. 1920 geboren, hat dieser als Zeitzeuge im besetzten Polen den Holocaust hautnah miterlebt. „Er sah es als seine von Gott gegebene Aufgabe an, diese Dinge zu dokumentieren, damit sie sich niemals wiederholen“, sagte Kauffmann. Aus dem kunstvollen Liniengewirr seiner Oberflächen schälen sich oft erst auf den zweiten Blick Gesichter und Gegenstände heraus, die den Betrachter intensiv mit seinen eigenen Vorgaben konfrontieren. „Wenn man sich darauf einlässt, kann man diese Bilder wie einen Film oder das Drehbuch dazu erleben“, sagte Kauffmann.
Alkohol, Pferde, Vernichtung
Lachurs Werk ist in sieben Zyklen einteilbar. In seiner Jugend beschäftigte er sich mit den Auswirkungen von Alkohol und Prostitution. Dann folgten die Pferdebilder, über die sich schon Pablo Picasso lobend äußerte. Seine Lebensaufgabe aber bildeten die Zyklen „Menschen“, „Leben im Ghetto“, „Vernichtung von Menschenleben“ und „Heiliges Leben.“ In aller Komplexität geben seine Bilder immer den Opfern ein Gesicht. „Sie können den Menschen töten, aber seine Würde können sie ihm nicht nehmen“, sagte Kauffmann zu einem Bild, das seilspringende jüdische Kinder im Angesicht des Todes zeigt.
Quelle: http://www.cannstatter-zeitung.de/lokal/kultur/schaufenster/Artikel562947.cfm
